Apple ohne Steve

An den Apple-Aufsichtsrat und die Apple-Gemeinschaft: Ich habe immer gesagt, dass wenn jemals der Tag kommen sollte, an dem ich nicht länger meine Aufgaben und Erwartungen als CEO von Apple erfüllen kann, ich der erste wäre, der Euch das wissen lässt. Leider ist dieser Tag gekommen. Ich trete hiermit als CEO von Apple zurück. Ich möchte, so der Aufsichtsrat dies für möglich hält, als Vorsitzender des Aufsichtsrats, als Aufsichtsratsmitglied und Mitarbeiter von Apple behilflich sein. Was meinen Nachfolger angeht, empfehle ich mit Nachdruck, dass wir unseren Nachfolgeplan erfüllen und Tim Cook zum CEO von Apple ernennen. Ich glaube, dass die besten und innovativsten Tage noch vor Apple liegen. Und ich freue mich darauf, den Erfolg von Apple in einer neuen Rolle zu sehen und dazu beizutragen. Ich habe bei Apple einige der besten Freunde in meinem Leben gefunden und ich danke Euch allen für die vielen Jahre, die ich neben Euch arbeiten konnte. Steve Mit diesen Worten hat sich Steve Jobs gestern nach mehr als elfeinhalb Jahren von seiner Position als Apple-CEO zurückgezogen. Dass dieser Schritt früher oder später kommen würde, hatte sich in den letzten rund zwei Jahren bereits mehrfach abgezeichnet. Trotzdem zeigt sich die Öffentlichkeit überrascht, wenn nicht gar schockiert. Ein Apple ohne Steve Jobs am Steuer ist in den Augen vieler noch immer völlig unvorstellbar. Doch was bedeutet die heutige Meldung nun konkret für Steve Jobs und vor allem für Apple? Auf welche Veränderungen müssen wir uns gefasst machen?

Daniel Aeschlimann

Wir alle wissen nicht, wie es um den Gesundheitszustand von Steve Jobs wirklich steht. Er hat eine Krebserkrankung und eine Lebertransplantation hinter sich, über alles weitere existieren höchstens Spekulationen. Doch die heutige Meldung sagt in meinen Augen einiges aus. Auch wenn es Steve nicht explizit so ausdrückt, so scheint er sich doch damit abgefunden zu haben, dass er sich von seiner derzeitigen Krankheit nicht mehr erholen wird.
Mit der Entscheidung, seinen Posten als Vorstandsvorsitzender beizubehalten, kann er allenfalls noch dazu beitragen, einen sanften Übergang zu gewährleisten. Ansonsten dient diese Meldung vermutlich primär der Beruhigung der Presse und der Wall Street. Zwischen den Zeilen macht der Apple-Gründer in seinem Schreiben keinen Hehl daraus, dass seine Tage bei Apple wohl gezählt sind, Schwarzseher könnten den letzten Absatz auch fast schon als endgültige Verabschiedung interpretieren.
Wenn es ihm in irgendeiner Form möglich sein wird, dürfte es sich Steve wohl auch in den kommenden Monaten nicht nehmen lassen, weiterhin den einen oder anderen öffentlichen Auftritt hinzulegen. Zuletzt hielt er auf der WWDC im Juni eine Keynote, auch das iPad 2 hatte er persönlich präsentiert. Doch letztlich kann dies alles nicht über die zentrale Botschaft hinwegtäuschen, die Steve Jobs mit dem ihm sicher schwerfallenden Rücktritt von dem Job vermittelt, den er immer als Herzensangelegenheit bezeichnet hatte. Nämlich die Botschaft, Apple werde künftig ohne ihn auskommen müssen.

Vor rund einem halben Jahr habe ich mich in einer Kolumne bereits einmal mit der Frage auseinander gesetzt, ob Apple auch ohne Steve Jobs funktionieren kann. Damals schrieb ich:

Würde Steve Jobs heute tot umfallen, Apple würde weiter funktionieren. Apple besässe noch immer hervorragende Produkte, eine treue Anhängerschaft und jede Menge fähiger Entwickler. Aber Apple würde mit Steve Jobs die Verkörperung seines Andersseins verlieren. Denn in den Augen vieler Menschen ist Apple untrennbar mit der Figur Steve Jobs verbunden.

Ich bin mir sicher, dass Apple mittelfristig auch ohne Steve Jobs hervorragend aufgestellt ist. Die letzten drei Jahre unterstreichen diese These. Als Aussenstehender war es kaum wahrzunehmen, dass Steve Jobs über weite Strecken abwesend war. Rückblickend war diese Zeit für Apple vielleicht sogar doppelt wertvoll. So konnte Tim Cook bereits in seine neue Position hineinwachsen, während dem Steve Jobs noch immer an der Seitenlinie stand und für den Fall der Fälle sämtliche Fäden in seiner Hand hielt.

Ohnehin ist Tim Cook vielleicht das stärkste Argument, das für eine vielversprechende Zukunft Apples spricht. Dass Apple nicht nach einem Steve-Jobs-Klon als Nachfolger für den Firmengründer gesucht hat, spricht in meinen Augen klar für das Unternehmen aus Cupertino.
Tim Cook ist alles andere als eine Lichtfigur à la Steve Jobs, stattdessen gilt er als akribischer Arbeiter und als einer der brillantesten Köpfe Apples, welcher mit Sicherheit seinen Teil zu den Erfolgen der Mac- und iPhone-Company beigetragen hat. 1998 hatte Steve Jobs den damals 37-jährigen Tim Cook zu Apple geholt, in den vergangenen dreizehn Jahren konnte sich Cook das Vertrauen und den Respekt des gesamten Apple-Managements erarbeiten. 2010 hielt Tim Cook eine vielbeachtete Rede an der Auburn University in Alabama, welche einen Einblick in seine Persönlichkeit vermittelt.

Auburn University Spring 2010 Commencement Speaker Tim Cook

Wenn Apple diesen Herbst das iPhone 5 einführt, wird Apple damit aller Wahrscheinlichkeit nach einen weiteren Hit landen und weitere Rekordquartale verbuchen. Nichts spricht dagegen, dass sich Apples Geschäfte durch Steve Jobs’ Rückzug nicht auch künftig prächtig entwickeln werden.

Die wirkliche Nagelprobe wird für CEO Cook wohl erst längerfristig folgen. Um nochmals aus der oben verlinkten Kolumne zu zitieren:

Das mag nun paradox klingen, aber die aktuellen Erfolge stellen Jobs’ Ersatzleute unter eine Erwartungshaltung, der Apple - mit oder ohne Jobs - längerfristig nie und nimmer gerecht werden kann. Derzeit wächst Apple so schnell, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Wachstum mehr oder weniger plötzlich zusammenbrechen wird. Unterdessen hat sich nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Wall Street daran gewöhnt, dass Apple den Unternehmensgewinn im 15-Monate-Rhythmus verdoppelt. Man mag sich darüber streiten, ob dies eine gesunde Entwicklung ist oder nicht. Aber es ist eine mathematische Gewissheit, dass diese Entwicklung nicht ewig so weiter gehen kann. Die Kurse von Apples Anteilsscheinen haben Werte erreicht, die nach unten unterdessen wesentlich mehr Luft lassen als nach oben.

Wie gut Apple ohne Steve Jobs wirklich funktioniert, wird sich erst in Krisenzeiten wirklich zeigen. Dann wird sich weisen, ob Apple auch ohne seinen Gründer noch diejenige Innovationskraft an den Tag legen kann, welche die Firma mehr als nur einmal vor dem Bankrott bewahrt hat.

In der Vergangenheit hat Apple nicht zuletzt vom Glauben an sein Anderssein gelebt. Vor dem Hintergrund von Apples aktuellen Erfolgen geht häufig vergessen, dass Steve Jobs nicht alleine für Apples Erfolge verantwortlich ist. Steve Jobs selbst war es auch gewesen, der zu Beginn der 80er-Jahre Apples erste grosse Krise ausgelöst hatte. Später bewies er mit NeXT, dass auch unter seiner Führung nicht alles Gold ist, was glänzt. Zweifellos sind Apples grösste Erfolge allesamt eng mit der Person Steve Jobs verknüpft, trotzdem ist er nur ein Puzzleteil unter vielen. Niemand weiss, ob Apple auch ohne den Personenkult rund um Steve Jobs längerfristig funktionieren kann. Funktioniert der Mythos Apple ohne Steve Jobs? Schliesslich ist es eben dieser Mythos, welcher die Computermarke aus Cupertino in den Augen vieler Anhänger nahezu unsterblich gemacht hat. Und Apple wäre nicht die erste Marke, deren Mythos auch dann noch weiterlebt, wenn der Vater des Erfolgs die Zügel längst aus der Hand gegeben hat.

Was denkt ihr, liebe Leser: Wie wird sich Apple durch Steve Jobs’ Rücktritt als CEO verändern? Wird sich Apple auch weiterhin behaupten können? Tut es Apple vielleicht sogar gut, wenn nach vierzehn Jahren ein neuer Mann die Zügel übernimmt?

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