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Äpfel aus China

1 Kommentar — Veröffentlicht am Freitag, 24. Februar 2012, um 09:32 Uhr von Daniel Aeschlimann

«Designed by Apple in California. Assembled in China.» Dieser Schriftzug prangt auf jedem iPhone, jedem iPad, jedem Mac. Doch während die Marke Apple längst den Status einer amerikanischen Ikone einnimmt, dämmert der Öffentlichkeit erst allmählich, dass die Wurzeln der trendigen Apple-Produkte noch in ein ganz anderes Land reichen: nach China.

Unter dem Titel «Apple's Chinese Factories» hat Bill Weir, Reporter des US-Fernsehkanals ABC, einen Kurzbericht über die Foxconn-Fabriken in China gedreht. Der taiwanesische Elektronikriese Foxconn gilt als Apples wichtigster Zulieferer aus Fernost. Alleine in Südchina arbeiten geschätzte 1.3 Millionen Menschen in den Fabriken von Foxconn und bauen elektronische Geräte zusammen. Zu den Kunden zählen Firmen wie Sony, Samsung, Nokia, HP, Dell, Amazon oder Microsoft. Und natürlich Apple. iPhone und iPad sind die zwei wichtigsten Produkte, welche von Foxconn in China montiert werden.
Eigenen Angaben zufolge ist Bill Weir der erste westliche Journalist, welcher die Foxconn-Werke zusammen mit seinem Kamerateam frei besichtigen durfte. Das Interesse des Journalisten galt der Frage, unter welchen Bedingungen die tausenden Foxconn-Arbeiter Apples Produkte herstellen - eine Frage, welche erst seit kurzem überhaupt für öffentliches Interesse sorgt.

Bill Weirs Bericht über die Arbeitsbedingungen bei Foxconn

Die Foxconn-Debatte

Das erste Mal, dass Foxconn in den Fokus der Öffentlichkeit geriet, war im Jahr 2006. Damals berichtete die britische «Mail on Sunday» über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen in einer iPod-Fabrik, worauf Apple erstmals überhaupt eine Produktionsstätte von Foxconn inspizierte. Bereits ein Jahr zuvor hatte Apple verbindliche Richtlinien über die Arbeitsbedingungen in Zulieferbetrieben veröffentlicht.

In den Folgejahren brach eine wahre Medienhysterie aus. Die Vorwürfe reichten von der Beschäftigung minderjähriger Arbeiter über zu lange Arbeitszeiten und zu geringe Entlöhnung bis hin zu fehlenden Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken. Von moderner Sklaverei war die Rede, unterstützt und gefördert durch Apple, gebilligt von Millionen von iPhone- und iPad-Käufern rund um den Globus.

Eine Reihe von Unfällen in den Foxconn-Werken untermauerte die Vorwürfe. 2011 kam es gleich in zwei iPad-Fabriken zu Explosionen. Vier Arbeiter starben, weitere 77 wurden verletzt. Bereits ein Jahr zuvor ging ein Aufschrei durch die Medienlandschaft, nachdem bekannt wurde, dass sich binnen eines Jahres 14 chinesische Foxconn-Mitarbeiter das Leben genommen hatten.

Foxconn wurde zum Inbegriff für die Ausbeutung chinesischer Arbeiter, Apple zum Sinnbild amerikanischer Profitgier.

Im Stolz verletzt

Im Januar 2012 erreichte die Debatte ihren Höhepunkt. Die New York Times veröffentlichte eine Reportage über die Zustände in Foxconns iPad-Fabriken und kritisierte Apple aufs Schärfste.
Cupertinos Reaktion fiel trotzig aus. Fortan verweigerte man der New York Times schlicht die Teilnahme an Product Briefings und Interviews - souveränes Krisenmanagement sieht anders aus. Apple-CEO Tim Cook höchstpersönlich sah sich dazu genötigt, in einer Mail an die eigene Belegschaft die Vorwürfe der New York Times zu entkräften.

Heilsbringer in China

Richtig unübersichtlich wird die Geschichte, wenn man die Debatte aus der Sicht der chinesischen Arbeiter betrachtet. Im Reich der Mitte wird nicht nur die Marke Apple verehrt, auch Foxconn gilt durchaus als attraktiver Arbeitgeber. Keine Frage, die Arbeit ist eintönig und hart, Überzeiten sind an der Tagesordnung und die Arbeitsbelastung ohnehin schon extrem hoch. Doch Arbeitsbedingungen, wie sie in unserer westlichen Hemisphäre als fair betrachtet werden, kennt der chinesische Arbeiter schlicht und ergreifend nicht. Insbesondere wenn er aus der ländlichen Bevölkerungsschicht stammt, aus der jedes Jahr Millionen junge und ungebildete Männer und Frauen auf der Suche nach bezahlter Arbeit ihr Glück in den Städten suchen. Foxconn bietet seinen Mitarbeitern kostengünstige Verpflegung und vielerorts auch eine einfache Unterkunft. Nicht zuletzt aber bezahlt Foxconn überdurchschnittlich hohe Gehälter.

Details liefert die ABC-Reportage von Bill Weir. Bei Foxconn wird während sechs Tagen pro Woche in 12-Stunden-Schichten gearbeitet. Jede Schicht beinhaltet zwei Stunden Pausenzeit. Der minimale Stundenlohn beträgt 1.50 US-Dollar, die monatlichen Ausgaben für Kost und Logie belaufen sich je auf rund ein Tagesgehalt.
Die meisten Arbeiter erledigen einfache Tätigkeiten, welche im Akkord verrichtet werden. Um ein iPad zusammenzusetzen, sind über 300 verschiedene Arbeitsschritte nötig. Nahezu die komplette Arbeit wird von Hand erledigt, automatisierte Produktionsstrassen sucht man bei Foxconn vergeblich. Was Foxconn an Robotern fehlt, macht der chinesische Elektronikhersteller durch die pure Masse an Arbeitern wett. Alleine für den Zusammenbau von iPhone und iPad beschäftigt Foxconn eine Viertelmillion chinesischer Arbeiter. Zum Vergleich: Auf Apples Lohnliste stehen derzeit lediglich rund 60’000 Vollzeitangestellte.

Apples Verantwortung

Trägt nun tatsächlich Cupertino die Verantwortung dafür, dass die westliche Konsumgesellschaft nach Gütern fragt, welche von abertausenden Arbeitern auf der anderen Seite des Erdkreises für einen Hungerlohn zusammengeschraubt werden?

Glaubt man der Berichterstattung in den Medien, so muss diese Frage zumindest teilweise mit einem Ja beantwortet werden. Zwar werden nahezu sämtliche Elektronikprodukte unter vergleichbaren Bedingungen hergestellt, doch alleine Apple besitzt die Marktmacht, um, sofern der nötige Wille vorhanden wäre, eine echte Veränderung herbeiführen zu können. Apple könnte es sich locker leisten, auf einen Teil seiner stolzen Marge (über 40 Prozent!) zu verzichten und damit seinen Zulieferern höhere Lohnzahlungen zu ermöglichen.

Diese Argumentation klingt einleuchtend. Doch sie trifft nicht den Kern des eigentlichen Problems. Um das Problem zu erfassen, muss man verstehen, dass Produktinnovation, wie Apple sie beispielsweise mit dem iPhone betreibt, immer auch mit einer Veränderung der Produktionsbedingungen einhergeht. Der Siegeszug des iPhones lässt sich nicht einfach nur auf die Erklärung reduzieren, dass Apple ein revolutionäres Produkt entwickelt hat. Ebenso wichtig war die Tatsache, dass Apple einen Weg gefunden hat, das iPhone in millionenfacher Ausführung preisgünstig herstellen zu lassen. In diesem Massstab hat das noch kein Unternehmen zuvor geschafft.

Apple ist ein Preisdrücker. Jahr für Jahr schliesst Apple milliardenschwere Zulieferverträge über Schlüsselkomponenten sowie für den Zusammenbau seiner Produkte ab, Jahr für Jahr müssen die Zulieferer ihre Kosten senken. Diese Mentalität, diese letzte Konsequenz eben auch im Zusammenhang mit der Kostenfrage, bildet eine der Grundlagen für Apples Innovationskraft.

Li Minggi, ein ehemaliger Foxconn-Manager trifft genau ins Schwarze wenn er sagt: «Apple hat sich nie um irgendetwas anderes gekümmert als darum, die Produktqualität zu erhöhen und die Produktionskosten zu senken.»

Keine Kompromisse bei den Produkten eingehen. Dieser Punkt zählt zu den wichtigsten Spielregeln im Apple-Universum. Es ist eine Denkweise, welche Apple seinem Gründer verdankt. Studiert man Steve Jobs’ Rolle in der Entwicklungsgeschichte von Apples grössten Produkten, so sticht sein unbändiger Perfektionismus unweigerlich ins Auge. Apples Produkte mussten «insanely great» sein, die Entwickler mussten an die Grenzen des Machbaren und darüber hinaus gehen. Bei Apple investiert man lieber immer noch ein bisschen mehr in die Detailverbesserung eines Produktes, als dass man einem Zulieferer auch nur ein klein wenig mehr Geld zugestehen würde als unbedingt notwenig. Gnadenloses Preisdrücken ist schlicht Bestandteil von Apples DNA. Auch für Foxconn wird Cupertino niemals eine Ausnahme machen.

Keine Kompromisse.

Steve Jobs war ein Ausbeuter, längst bevor Apple seine Produktion nach Fernost verlagerte. Er war sich nie zu schade, seine engsten Mitarbeiter über den Tisch zu ziehen. Schon als Apple an die Börse ging und die Frage nach der Verteilung der Aktienoptionen auftauchte, kannte Apples Gründer weder Fairness noch Freunde.
In dieser Hinsicht erscheint Apples neuer Chef wie eine Steve-Jobs-Kopie. Tim Cook nahm eine Schlüsselposition bei Apples Verlagerung der Produktion von den einstigen firmeneigenen Fabriken in den Vereinigten Staaten hin zu externen Zulieferern aus Fernost ein. Dabei ging es nie um die Frage nach den Arbeitsbedingungen, sondern schlicht um die Frage nach der Effizienz. Die Formel ist kinderleicht: Je effizienter man ein Produkt herstellen kann, desto besser wird das Produkt.

Apple ist der perfekte Beweis.

Gut möglich, dass Steve Jobs den wenig charismatischen Tim Cook primär deswegen zu seinem Nachfolger erkoren hat, weil Cook wie kein Zweiter diese Unternehmensphilosophie verkörpert.

Damit ist die Frage nach der Verantwortung aber nicht geklärt. Doch Verantwortung ist ein schwieriger Begriff. Ist Apple verantwortlich dafür, dass die Konsumenten immer noch mehr iPhones und iPads kaufen? Trägt nicht auch der einzelne Mensch eine Verantwortung für sein Konsumverhalten? Und der Staat? Wäre es nicht an der chinesischen Regierung, strengere Vorschriften zu erlassen? Schliesslich basiert das chinesische Wirtschaftswunder grösstenteils auf Unternehmen wie Foxconn. Wer trägt die letzte Verantwortung für die Zustände in chinesischen Fabriken?

Wie auch immer man diese Fragen für sich beantwortet, eines ist klar: Eine nachhaltige Veränderung wird nicht von Apple ausgehen. Apple wird sich einzig darum bemühen, dass die negative Berichterstattung in den Medien ein Ende findet.

Apples Vorgehen ist einfach und besteht aus drei Schritten.
Erstens: Zu den Vorwürfen schweigen. Erst seit wenigen Monaten äussert sich Apple überhaupt zu der Foxconn-Debatte, zuvor stand der Konzern aus Cupertino die Affäre jahrelang einfach aus, ohne dass sich die Negativpresse auf Apples Verkaufszahlen ausgewirkt hätte.
Zweitens: Die Probleme schönreden. Steve Jobs liess sich im vergangenen Jahr mit der Aussage zitieren, Apple würde die Arbeitsbedingungen seiner Zulieferer besser als jedes andere Industrieunternehmen kennen. Auch Tim Cook spricht im Zusammenhang mit der Foxconn-Debatte über alle möglichen Themen, nur nicht über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen in den iPad-Fabriken.
Drittens: Übertriebenes Engagement demonstrieren. Dieser Schritt zeichnet sich bereits seit einigen Wochen ab. Plötzlich verschickt Apple Medienmitteilungen über die Zustände in seinen Zuliefererbetrieben. Medienwirksam tritt Apple der Fair Labor Association bei und sorgt dafür, dass Journalisten wie Bill Weir einen Blick hinter die Tore einer chinesischen iPad-Produktionsstätte werfen dürfen.

Insbesondere der dritte Punkt verspricht erfahrungsgemäss eine rasche Versöhnung mit den Medien. Nur besitzt dieser Punkt interessanterweise keinerlei Einfluss auf die tatsächliche Situation in den Foxconn-Fabriken. Hinter dieser Beobachtung steckt durchaus eine gewisse Portion Zynismus, ich bezeichne sie als den Greenpeace-Effekt.

Der Greenpeace-Effekt

Apples derzeitiges Vorgehen in der Foxconn-Debatte erinnert mich stark an die Kampagne «A Greener Apple», mit der Apple vor einigen Jahren auf die scharfe Kritik von Greenpeace reagierte. Die Umweltschutzorganisation hatte damals eine Studie über die Umweltverträglichkeit von Elektronikprodukten veröffentlicht, Apple landete abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Schon damals stürzten sich die Medien auf die Studie, obwohl diese gegen sämtliche wissenschaftliche Grundregeln verstiess. Greenpeace kritisierte Apple aufgrund fehlender Transparenz hinsichtlich des Umweltschutzes sowie aufgrund fehlender Absichtserklärungen über den zukünftigen Verzicht auf gefährliche Chemikalien. Die Studie enthielt keinerlei Untersuchung über die tatsächliche Umweltverträglichkeit von Apples Produkten, doch sie reichte aus, um eine Flut an negativen Schlagzeilen über Cupertino hereinbrechen zu lassen.
Wie hatte Apple reagiert? Zuerst schwieg Apple. Dann wurden die Probleme schöngeredet. Und plötzlich begann Apple, das Thema Umweltschutz für sich zu entdecken. Fortan gab Apple brav Auskunft über Recyclingquoten und die Verwendung toxischer Substanzen und auf einmal - oh Wunder - machte Apple im Greenpeace-Ranking Plätze gut und die öffentliche Kritik verstummte.

Bis heute hat Greenpeace jedoch nie auch nur ein einziges Apple-Produkt seriös auf seine Umweltverträglichkeit hin untersucht. Mag sein, dass Apple in einigen Punkten Fortschritte gemacht hat, doch Apples Produkte sind auch heute noch alles andere als grün. Aus Sicht des Umweltschutzes ist Aluminium als Gehäusewerkstoff für Elektronikprodukte denkbar ungeeignet und die Unibody-Fertigungsweise ist eine Umweltsünde sondergleichen. Da kann Apple noch so lange das Gegenteil predigen, die Produkte werden dadurch auch nicht grüner. Letztlich geht es Apple um die Entwicklung möglichst guter Produkte, im Zweifelsfall auch über die Gesetze des Umweltschutzes hinweg. Beides zu vereinbaren ist, in letzter Konsequenz, ganz einfach nicht möglich.

Die Greenpeace-Affäre begann mit Vorwürfen, die in erster Linie aus heisser Luft bestanden. Apple entledigte sich diesen Vorwürfen primär durch schöne Worte, nicht jedoch durch Taten. Genau das gleiche Rezept kommt nun offenbar bei der Foxconn-Debatte zur Anwendung.

Auch hier sind die Apple-kritischen Schlagzeilen, bei Lichte betrachtet, ziemlich lächerlich. Die Debatte begann mit der Geschichte, wonach sich innert eines Jahres 14 Foxconn-Mitarbeiter das Leben nahmen. Das klingt dramatisch, aber auch nur auf den ersten Blick. Foxconn beschäftigt weltweit geschätzte zwei Millionen Arbeiter, gleich viel wie die gesamte britische Industrie. Mit 14 (dokumentierten) Suizidfällen auf eine siebenstellige Mitarbeiterzahl kommt man auf eine Suizidrate, welche unter dem chinesischen Durchschnitt liegt. Noch deutlicher ist ein Vergleich mit der Schweiz: Hierzulande ist die Suizidrate rund 25 mal höher als unter der Foxconn-Belegschaft. Natürlich sind solche Schicksale tragisch, natürlich sollen sie untersucht werden. Das selbe gilt für die Unfälle in den iPad-Fabriken. Doch fairerweise man muss beides vor dem Hintergrund der gewaltigen Grösse des Unternehmens Foxconn betrachten, nur so lassen sich die Ereignisse richtig einordnen.

Ähnlich wie bei der Greenpeace-Geschichte reagiert Apple auch diesmal mehr mit Worten als mit Taten. Apple bemüht sich sichtlich, Verstösse gegen den firmeneigenen Code of Conduct gegenüber Zulieferunternehmen härter zu bestrafen. Weitere Massnahmen, welche von Apple zusätzliche Kompromisse erfordern würden, werden wir jedoch nicht erleben. Nicht weil Apple und Tim Cook die Zustände bei Foxconn völlig gleichgültig wären, sondern weil Apple seine Verantwortung dort sucht, wo die Firma mit dem Apfel-Logo die höchsten Prioritäten setzt: Nämlich darin, Produkte zu entwickeln, welche «insanely great» sind.

Tags: Apple, China, Entwicklung, Fair Labor Association, Foxconn, Geschichte, iPad, iPhone, Mac, Steve Jobs, Tim Cook

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