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Passwort vergessen?

Das Zentrum der Macht

Veröffentlicht am Dienstag, 28. November 2006, um 00:33 Uhr von Daniel Aeschlimann

Zu den beliebtesten Zeitvertreiben zahlreicher Journalisten und vor allem Analysten zählt es, sich mit der Frage zu beschäftigen, welches Apple-Produkt denn nun das Wichtigste sei.
Ist es ganz allgemein der Mac? Vielleicht der schicke iMac oder das erfolgreiche MacBook? Möglicherweise ist es Mac OS X, denn die Software war schliesslich schon immer Apples grösster Trumpf. Oder ist es gar der iPod, über den bekanntlich die ganze Welt spricht? Oder das sagenumwobene iPhone? Oder iLife? Oder Boot Camp?
Alles falsch, behaupte ich. Es ist iTunes. iTunes ist das wichtigste Produkt von Apple, auch wenn Apple das nie so geplant und erst recht nie so kommuniziert hat.

Weshalb iTunes?

Weil iTunes in allen zukünftigen Apple-Produkten eine Schlüsselrolle einnehmen wird.

Was macht iTunes so einzigartig? Es ist die Kombination aus drei wichtigen Eigenschaften, die kein anderes Stück Software in dieser Art und Weise in sich vereint.

Erstens ist iTunes eine fantastische Jukebox-Software. Etwas präziser müsste man unterdessen sagen, dass iTunes ein fantastisches Programm für die Verwaltung von Multimedia-Inhalten ist. Schliesslich kann iTunes längst auch mit Video-Dateien umgehen. Anders ausgedrückt: Wenn man iTunes unter herkömmlichen Gesichtspunkten beurteilt, ist es bereits ein tolles Programm. Doch das ist nur der Anfang. Der zweite Punkt, mit dem sich iTunes bereits von allen anderen Softwareprodukten abhebt, ist der iTunes Store.
In der Vergangenheit funktionierten Applikationen stets so, dass man mit ihnen entweder Dinge kreieren oder konsumieren konnte. Mit einem Schreibprogramm - um ein Beispiel zu nennen - kann man entweder ein Textdokument verfassen oder ein Dokument öffnen und den Text lesen. Bei iTunes ist das anders. Ohne dass der Anwender überhaupt etwas macht, ist sämtlicher Content bereits da. Mit dem iTunes Store erfand Apple ein grundlegend neues Konzept, wie Software funktionieren kann. Sowohl aus der Sicht des Software-Anbieters als auch aus derjenigen des Anwenders eröffnet der iTunes Store völlig neue Horizonte. Mit dem Store besitzt iTunes bereits eine zentrale Eigenschaft, die aus einer langweiligen Jukebox ein spannendes und einzigartiges Programm macht, so dass sich iTunes von allem zuvor da gewesenen abhebt.
Doch Apple ist noch einen Schritt weiter gegangen. Die dritte wichtige Eigenschaft besteht darin, dass iTunes alle möglichen Geräte und Dienstleistungen miteinander verknüpft. Dies beginnt bereits damit, dass iTunes eines der ganz wenigen Apple-Programme ist, welches auch auf Windows-Computern eingesetzt werden kann. iTunes sucht im Netzwerk nach Wiedergabelisten, bildet den Rahmen für den iTunes Store und arbeitet Hand in Hand mit dem iPod, Apples kommender Settop-Box ‘iTV’ sowie dem langersehnten iPhone, sofern letzteres tatsächlich demnächst in den Verkaufsregalen stehen sollte. Musik aus iTunes kann man überall geniessen. Sei es Zuhause am Computer, im Wohnzimmer oder unterwegs beim Joggen oder im Auto.

Zusammengefasst: iTunes entführt seine Anwender in eine Welt mit einem gigantischen Angebot an Medieninhalten, die man bequem verwalten und an allen möglichen Orten verwenden kann.

Interessant an der Geschichte ist, dass Apple den Werdegang von iTunes nie vorausgesehen hat. iTunes stand für Apple stets im Schatten anderer Produkte, Apple selbst hat die Bedeutung von iTunes von Anfang an unterschätzt.
Als 2001 die erste Fassung von iTunes das Licht der Welt erblickte, hatte Apple soeben die Vision des «Digital Hub» erschaffen. Apple benötigte iTunes als Verkaufsargument für die neuen Macs mit CD-Brenner. Zehn Monate später erschien der erste iPod und zeitgleich die zweite iTunes-Version. Apple hatte kurzerhand entschieden, iTunes als Bindeglied zwischen dem iPod-Player und dem Mac zu verwenden, obwohl das ursprünglich gar nicht so vorgesehen war. Damit gewann iTunes natürlich an Wichtigkeit, doch allgemein mass man dem iPod eher eine untergeordnete Rolle in Apples Digital-Lifestyle-Strategie an.
2003 startete der iTunes Music Store in den USA, ein halbes Jahr später erschien iTunes 4 für Windows. 2004 explodierten die Verkaufszahlen des iPods; und dann ging es auf einmal ganz schnell.

Welche Bedeutung iTunes innert kürzester Zeit erlangt hatte, möchte ich an einem Beispiel aufzeigen: Podcasts. Einige macprime-Leser mögen sich vielleicht noch an unsere erste Auseinandersetzung mit dem Thema Podcasting erinnern. Das war im April 2005 - damals konnte noch kaum jemand etwas mit dem Begriff Podcast anfangen. Im Grunde sind Podcasts etwas Unspektakuläres. Mit ihnen kann man Audiodaten über das Internet verbreiten und beziehen. Von der Technologie her ist Podcasting nichts Aufregendes. Kein Wunder, konnte sich der Podcast anfangs nicht durchsetzen. Doch dann kam Apple und baute im Sommer 2005 eine simple Podcastfunktion in iTunes ein und der Podcast wurde von einem Augenblick auf den anderen zum Massenphänomen. Der Podcast hat nicht nur zahlreiche Amateur-Radiomacher auf den Plan gerufen, auch die etablierten Anbieter von Medieninhalten haben ihn als neue Vertriebsform entdeckt. In den Schweizer Top-30-Podcasts finden sich Angebote von Radio DRS, der Weltwoche, der UBS und des Schweizer Fernsehens.

Eine wichtige Frage blieb bisher aber unbeantwortet. Weshalb sind digitale Medieninhalte so bedeutend? Ganz einfach: Sie bilden das Fundament für die IT-Branche der Zukunft.
In den Anfängen des Computerzeitalters stand die Hardware im Mittelpunkt. Der Apple II bildete den Startschuss für eine Zeitperiode, in der die Augen der Öffentlichkeit auf die Computerhersteller gerichtet waren. Später rückte die Software in den Vordergrund. Auch bei dieser Entwicklung stand Apple an vorderster Front. Es war der Macintosh, welcher die Bedeutung der Software offenbarte. Zwar wurde die Hardware nie überflüssig, doch die wirkliche Macht liegt schon seit langem bei den Softwarefirmen. Mit guter Software kann man sehr viel mehr Geld verdienen als mit guter Hardware.
Auch das Zeitalter der Software wird nicht ewig dauern. Die Zukunft gehört den digitalen Medieninhalten. Wie bedeutend diese schon heute sind, zeigte Google unlängst mit der Übernahme der Videoplattform youtube.com, die sich der Suchmaschinenbetreiber stolze 1.65 Milliarden Dollar kosten liess. Musik, Kinofilme, Fernseh- und Radiosendungen werden wir in Zukunft immer häufiger in digitaler Form geniessen. Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten, denn die mit ihr verbundenen Möglichkeiten könnten weit reichender nicht sein. Wer seine Musik auf dem Computer und nicht auf Audio-CDs gespeichert hat, dem eröffnen sich völlig neue Perspektiven. Digitale Medieninhalte lassen sich kontrollierter und viel flexibler verwenden, als es die herkömmliche Fernseh- und Radiotechnik sowie die herkömmlichen Datenträger erlauben. Aber das ist erst die eine Seite. Dank dem Internet verändert sich auch der Vertrieb von Medieninhalten auf radikalste Art und Weise. Das Internet ist den Vertriebswegen der Vergangenheit in vieler Hinsicht überlegen, das hat der iTunes Store bereits eindrücklich aufgezeigt. Wer den Markt für digitale Medieninhalte in Zukunft beherrscht, wird damit unendlich viel Kohle scheffeln.

Wird es Apple gelingen, diesen Markt zu kontrollieren? Das ist keineswegs sicher. Wir erinnern uns: Als die Hardware und später die Software die IT-Branche revolutionierten, war Apple jeweils ganz vorne dabei - und fiel dann auf die Nase.
Der Schlüssel zum Erfolg heisst iTunes. Als Steve Jobs zum ersten Mal seine Idee vom Digital Lifestyle skizzierte, stand der Mac im Zentrum und bildete den «Digital Hub». Unterdessen hat iTunes den Mac verdrängt und den Platz an der Sonne eingenommen. Natürlich spielt auch der Mac noch eine Rolle in Apples Lifestyle-Strategie. Aber der Mac ist nicht unersetzbar. Genauso wie der iPod. Vielleicht gehen die iPod-Verkäufe irgendwann einmal den Bach runter und das iPhone springt in die Bresche; das iTunes-Universum bliebe bestehen. Denn der iPod spielt nur eine Nebenrolle. Selbst wenn Apple den Mac opfern würde, iTunes würde weiterleben. iTunes ist die Grundlage für das gesamte Netzwerk des Digital Lifestyle, bei iTunes laufen alle Fäden zusammen. Der iPod und das iPhone sind lediglich Satellitenprodukte, die von iTunes abhängig sind. Es ist kein Zufall, dass der iPod seinen beispiellosen Erfolgszug erst antrat, als iTunes für Windows erschienen war. Und wenn sich der Kurs der Apple-Aktie derzeit durch iPhone-Gerüchte in luftige Höhen katapultieren lässt, dann geschieht dies nur, weil die ganze Welt weiss, welche Macht von iTunes ausgeht und wie sehr ein iPhone von dieser Macht profitieren könnte.

Es ist wichtig, dass iTunes Sorge getragen wird. Noch steckt das gesamte iTunes-Universum in den Kinderschuhen. Apples Konkurrenz wird in den nächsten Jahren enorme Investitionen tätigen, um die Dominanz von iTunes zu durchbrechen. Eine Erkenntnis spielt dabei eine zentrale Rolle: iTunes ist verletzbar. Und zwar in doppelter Hinsicht.
Einen ersten Knackpunkt sehe ich im iTunes Store. Während sich der Music Store bereits etabliert hat, sieht es für den Movie Store eher düster aus. Klar, der Filmdownload über iTunes steht noch ganz am Anfang, doch der Music Store sorgte in seiner Startphase für wesentlich mehr Furore. Apple hat einige grundlegende Probleme, die der Vertrieb von Filmen mit sich bringt, bisher nicht gelöst. Beim Music Store profitierte Apple von einem überlegenen Ökosystem rund um iTunes. Kauft man im iTunes Store Musik ein, steht einem ein gigantischer Musikkatalog zur Verfügung und man kann jeden Song einzeln erwerben. Nebenbei hat Apple noch eine perfekte Jukebox-Software und den besten MP3-Player der Welt im Angebot, was zusätzliche Kunden anlockt. Bei den Filmen ist genau das Gegenteil der Fall: Der iPod generiert keine Film-Verkäufe, die Anzahl verfügbarer Filme ist lächerlich klein, die Qualität haut niemanden vom Hocker und die Videofunktionen von iTunes sind auch nicht überragend. Hier muss Apple nachbessern, und zwar schnell. Punkto Komfort und Auswahl muss der iTunes Store mehr bieten als die Videothek um die Ecke.
Das zweite Problem liegt bei Apple selbst. Apple muss erkennen, welcher Stellenwert iTunes gebührt. Damit Apple die Revolution der digitalen Medieninhalten nicht verschläft, sind Veränderungen an iTunes nötig, und zwar grundlegende. Aus einer Musik-Applikation muss ein Multimedia-Programm gemacht werden, das mit TV-Shows und Kinofilmen ähnlich souverän umgeht wie mit Musik. Dies wird jedoch erst geschehen, wenn Apple iTunes ins Zentrum des Digital Lifestyles gerückt hat.

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