Apple vs. OpenAI: Vorwurf der Beweisvernichtung und Streit um Gutachten
Im Rechtsstreit um mutmasslich gestohlene Geschäftsgeheimnisse hat Apple nachgelegt: Die forensische Auswertung eines Laptops des früheren Ingenieurs Chang Liu soll zeigen, dass dieser einen vertraulichen Apple-Schaltplan bei OpenAI verwendet und die Vernichtung von Beweisen angeleitet habe. OpenAI sieht die Schuld bei Apples eigenen Sicherheitspraktiken und wehrt sich gegen weitere Beweisanträge sowie neue Gutachten. Am Donnerstag kommt der Fall vor Gericht.
Apple hat am Montag, 31. August 2026, beim US-Bezirksgericht in San José eine weitere Eingabe zur Stützung seines Antrags auf ein beschleunigtes Beweisverfahren eingereicht. Im Zentrum steht ein MacBook, das der mitbeklagte frühere Apple-Ingenieur Chang Liu nach seinem Wechsel zu OpenAI behalten hatte und das seine Anwälte erst kürzlich übergaben. Eine erste forensische Analyse habe laut der Eingabe (PDF) vier Dinge zutage gefördert: Liu habe einen vertraulichen Apple-Schaltplan nicht nur heruntergeladen, sondern auch bei seiner Arbeit für OpenAI genutzt. Er und weitere Personen bei OpenAI hätten von seinem unberechtigten Zugriff auf Apples Cloud-Speicher eines Drittanbieters gewusst. Nachdem er von Apples interner Untersuchung erfahren habe, soll er einer OpenAI-Kollegin Anweisungen zur Vernichtung von Beweisen geschickt haben, die diese zu befolgen zugesagt habe. Und schliesslich habe er bei OpenAI ein Werkzeug verwendet, das denselben Namen trage wie ein internes Engineering-Programm von Apple.
Schaltplan-Simulation per KI-Agent
Den Schaltplan soll Liu im März heruntergeladen haben – rund zwei Monate nach seinem Austritt bei Apple. Wie etwa MacRumors schreibt, habe er damit eine Simulation im Elektronik-Programm «LTspice» durchgeführt und in Nachrichten geschildert, er habe einem KI-Agenten beigebracht, «LTspice» zu bedienen, die Resultate auszuwerten und Parameter abzustimmen – was ihn zuvor einen Tag gekostet habe, dauere nun zwei Stunden. Apple argumentiert zudem, wenn Geschäftsgeheimnisse in einen lernenden KI-Agenten oder ein KI-Modell eingespeist würden, könne dies zu unumkehrbaren und sich stetig weiterverbreitenden Nutzungen führen. Aufgeflogen sei die Simulation, weil Liu sie auf einem Mac mini durchgeführt habe, der später über iCloud mit dem MacBook synchronisierte. Apple verlangt nun auch Zugriff auf diesen Mac mini.
This shocking evidence—which Defendants chose to ignore despite its availability—demonstrates why Apple urgently needs expedited discovery. The MacBook represents the very limited information Defendants provided so far (and only after weeks of delay), and shows Apple is not conducting ‘fishing expeditions’ but that its trade secrets are being used and evidence is being destroyed. (Diese schockierenden Beweise – welche die Beklagten trotz Verfügbarkeit bewusst ignoriert haben – zeigen, weshalb Apple dringend ein beschleunigtes Beweisverfahren benötigt. Das MacBook steht für die sehr begrenzten Informationen, welche die Beklagten bisher geliefert haben – und das erst nach wochenlanger Verzögerung –, und es zeigt, dass Apple keine ‹Fishing Expeditions› betreibt, sondern dass seine Geschäftsgeheimnisse genutzt und Beweise vernichtet werden.)
Bei der Kollegin handelt es sich laut Apple um Yu-Ting «Alyssa» Peng, die Apple bereits im Antrag auf beschleunigte Beweiserhebung als Zeugin nennt; der Austausch habe im Juni stattgefunden. Liu soll sie demnach angewiesen haben, Apple-Geräte «wiederherzustellen» – aus Sicht von Apple ein Weg, forensische Spuren zu beseitigen. Vage bleibt der vierte Vorwurf: Worum es sich beim Werkzeug genau handelt, lässt die Eingabe offen.
OpenAI: «Vage Kategorien» und ein «Chaos», das Apple selbst angerichtet habe
Bereits Ende August hatte OpenAI mit einer Replik auf Apples Gegenschrift zum Abweisungsantrag reagiert und die Forderung nach Einstellung des Verfahrens bekräftigt. Apple habe nicht belegt, dass es überhaupt um Geschäftsgeheimnisse gehe, zitiert Heise aus dem Papier: Apples angebliche Geschäftsgeheimnisse seien und blieben «vage Kategorien und Sammelbegriffe», und fehlende Fakten liessen sich nicht durch die Darstellung eines Anwalts ersetzen. So habe Apple etwa aus der Bitte, Bauteile ins Vorstellungsgespräch mitzubringen, den «Empfang geheimer Informationen» gemacht und das Herunterladen von Dokumenten vor einem solchen Gespräch als deren Preisgabe während des Gesprächs dargestellt.
Auf Apples neue Eingabe vom 31. August antwortete OpenAI noch am selben Tag mit einem weiteren Schriftsatz. Darin heisst es gemäss Reuters, Apple habe nicht belegen können, dass tatsächlich vertrauliche Informationen gestohlen worden seien; der Streit sei «a mess of Apple’s own making (ein Chaos, das Apple selbst angerichtet hat)». Die Klage solle einen Konkurrenten ausbremsen und weitere Abgänge verhindern – das kalifornische Recht erlaube Angestellten den freien Wechsel zwischen Konkurrenten. Als Ursachen nennt OpenAI zum einen Apples Praxis, Angestellte zur Nutzung privater iCloud-Konten für Arbeitsdokumente zu ermuntern – ein Punkt, der bereits zuvor für Diskussionen sorgte. Zum anderen würden Austretende sofort vom Campus begleitet, was kaum Zeit lasse, Geräte zurückzugeben und Dateien zu übertragen.
9to5Mac weist darauf hin, dass OpenAI die Nutzung der Apple-Informationen damit nicht direkt bestreite, sondern vor allem Apples Schutzmassnahmen angreife. Das könnte juristisch entscheidend sein: Als Geschäftsgeheimnis gälten Informationen nur, wenn angemessene Vorkehrungen zu deren Schutz getroffen worden seien.
Streit um Forensik und Entwicklungsunterlagen
Weil sich die Parteien beim beschleunigten Beweisverfahren nicht einigen konnten, verlangte das Gericht eine gemeinsame Eingabe, die am Freitag, 18. September, eingereicht wurde (PDF via 9to5Mac). Darin will Apple gemäss 9to5Mac erreichen, dass eigene Sachverständige die forensischen Abbilder prüfen dürfen, auf die sich die Gutachten der Beklagten zu Lius Geräten stützen. Apples Experte habe bereits «kritische Fehler» gefunden: So seien nachweislich genutzte Dateien auf dem Mac mini übersehen worden, und aus Dateien mit null Bytes oder einem leeren Metadaten-Feld «kMDItemLastUsedDate» werde fälschlich geschlossen, sie seien nie geöffnet worden. OpenAI schlägt stattdessen einen neutralen Gutachter vor – Apple sieht sich dadurch benachteiligt, da die Experten der Gegenseite direkten Zugriff hatten.
Zudem verlangt Apple Entwicklungsunterlagen zu OpenAIs Hardware in den Bereichen Metallveredelung, Energiemanagement und Akkufunktionen. OpenAI hatte argumentiert, die eigenen Metalloberflächen unabhängig entwickelt zu haben; Lius Simulation habe zudem nichts mit dem kommenden Produkt zu tun. Apple will diese Aussagen nun anhand der Unterlagen überprüfen. OpenAI hält dies für einen Versuch, «to snoop on a competitor (einem Konkurrenten nachzuschnüffeln)». Umstritten sind ausserdem forensische Abbilder der Geräte von Liu, Tang Tan, Peng und einer weiteren Person, Unterlagen zu Lius Nutzung von KI-Werkzeugen – laut der Forensik der Beklagten gebe es keine Hinweise, dass er eine vertrauliche Apple-Datei mit ChatGPT, Codex, Claude oder OpenClaw verwendet habe –, Interview-Unterlagen der «Consumer Hardware Products Group» von OpenAI sowie die vollständigen Chatverläufe zwischen Liu und Peng im Messenger «LINE».
Fünf neue Gutachten – OpenAI will sie streichen lassen
Parallel legte Apple Mitte September im Verfahren um die einstweilige Verfügung eine Replik mit fünf Sachverständigen-Erklärungen im Umfang von 126 Seiten sowie 13 Beilagen vor (PDF). Die Experten Daniel Roffman, James Pooley, Ayman Fayed, Paul Hatch und Jude Runge äussern sich demnach zu Apples Sicherheitspraktiken, zur Forensik von Lius Geräten, zum Wert der Geheimnisse im Bereich Energiemanagement sowie zur Geheimhaltung der Metallveredelungs-Verfahren.
Ende vergangener Woche beantragten OpenAI und die Mitbeklagten, zwei dieser Erklärungen – darunter jene von Roffman samt fünf Beilagen – zu streichen und weitere Beweismittel nicht zu berücksichtigen, wie 9to5Mac berichtet. Apple habe die Replik unzulässig für neue Beweise genutzt, die teils schon früher hätten vorgelegt werden können; mit Runge sei gar ein gänzlich neuer Experte hinzugekommen. Sollte das Gericht die Erklärung von Roffman dennoch berücksichtigen, verlangen die Beklagten, auch eine neue Erklärung von Liu einzubeziehen, in der dieser die von Apple zitierten Nachrichten und Geräte-Aktivitäten aus seiner Sicht erklärt.
Am Donnerstag, 1. Oktober, verhandelt Richter Edward J. Davila über die anstehenden Anträge. Ein rasches Ende des Rechtsstreits ist derweil nicht absehbar.
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